Friseur-Ausbildung – oder warum meine Azubis die wichtigsten Mitarbeiter sind!

Voller Entsetzten lese ich häufig Kommentare in den Facebook Friseurforen von Friseurunternehmern, die in Zukunft nicht mehr ausbilden wollen… für mich eine vollkommen abwegige und unmögliche Entscheidung und so falsch wie nur irgendwas! Auch berichten viele Kollegen, dass Azubis zu teuer sind, sich die Friseurausbildung nicht lohnt, auch das ist für mich vollkommen unverständlich! Ganz im Gegenteil, ich würde niemals auf diese Idee kommen oder auch nur “einen” Auszubildenden alleine beschäftigen!Haarchitektur-Lüneburg-Blog

Kommt die Frage, warum ich nicht der Meinung bin, einen Auszubildenden alleine einzustellen?

Ganz einfach erklärt, ich vergleiche das mit Katzen in der Wohnungshaltung, die werden irgendwann verhaltensauffällig und fangen an unsauber zu werden oder die Möbel zu zerkratzen! 😉 Warum kommt es bei einem Azubi auch zu solchen “Verhaltensauffälligkeiten” wenn man sie in “Einzelhaft” hält? Weil ein Azubi nicht für immer nur eine Assistenzkraft sein möchte, er möchte schon während er Ausbildung eigenverantwortliches Arbeiten erlernen, anwenden und natürlich auch ein wenig Routine erlangen. Ist er aber der einzige Azubi im Geschäft, wird dies niemals funktionieren! Später mehr zu diesem Thema, da das eine auf dem anderen aufbaut! Und jetzt mal ehrlich… welche- und wie viele Fachkräfte gibt es denn noch am Markt und wo will man bei der immer schwieriger werdenden Branchensituation in Zukunft seine Mitarbeiter herbekommen, wenn man nicht mehr ausbildet?

Haarchitektur-Lueneburg-AusbildungWelche Gründe kann es also geben, dass immer weniger Unternehmer ausbilden wollen? Wie gesagt, für mich eine vollkommen abwegige Entscheidung und 0,0% nachvollziehbar, ganz im Gegenteil… ich bin mittlerweile schon so weit, dass ich keine extern ausgebildeten Mitarbeiter mehr einstellen möchte, sondern nur noch Menschen, die ich selbst ausgebildet und zu “UNSEREM” Konzept erzogen habe. Gründe sind, immer schlechteres Niveau der Bewerber, kaum noch Bewerbungen und wenn, dann oftmals unmotivierte, faule oder eben auch schlecht erzogene Azubis. Einige haben auch mehrfach das Ergebnis erlebt, dass Auszubildende nach der Friseurausbildung nicht bei ihnen bleiben wollten und sogar den Beruf wechselten. Die Gründe hierfür liegen meines Erachtens eindeutig an der Attraktivität des Unternehmens und an den Möglichkeiten, die die angehende Fachkraft bei Verdienst und Aufstiegsmöglichkeiten hat.

Klar ist… die Jungend hat sich durch eine geänderte Erziehung verändert und man muss die Jugend von heute ganz anders anfassen und auch ganz anders in den Salonalltag einbinden… aber auch dazu später mehr! Den selten dummen Spruch “die Jugend von heute” blabla oder ach was ist die Jugend heute schlecht geworden, lasse ich nicht gelten und das beweise ich auch im Anschluss deutlich!

Also, wie kann es sein, dass ich so überhaupt nicht diese beschriebenen Probleme mit der Jugend von heute habe und wie kann es nur sein, dass ich jedes Jahr 60 – 100 Bewerbungen bekommen!? Wie kann es sein, dass sich im letzten Jahr alleine 12 (!!) Abiturienten bei mir beworben haben, obwohl viel Kollegen nach deren Aussagen froh wären, wenn sie überhaupt 12 Bewerbungen bekämen!?

Das Ganze ist eine Frage von Image… dass es so wenige Bewerber heutzutage gibt, liegt an dem miesen Image der Friseurbranche und nicht daran, dass der Beruf als solcher für junge Leute uninteressant oder unattraktiv wäre. Die durchschnittlichen Rahmenbedingungen und die miesen Aussagen aus den Medien zum Thema Lohn, Ausbildungsvergütung und Arbeitsbedingungen, schrecken schon von vornherein massiv ab. Und wenn es nicht schon die naive Jugend abschreckt, spätestens die lieben Eltern, die sich dann (verständlicherweise) vehement gegen eine Friseurausbildung einsetzten… das war schon zu meiner Zeit so und wird auch weiterhin ein massives und größer werdendes Problem bleiben!

Da gibt es nur einen Weg sich von den anderen Kollegen so weit wie möglich zu positionieren… große Filialbetriebe, die “Schnippelbude” und “Salon Gertrud” werden sicherlich keine engagierten Azubis anziehen, die richtig Bock haben auf diesen tollen Beruf! Mindestlöhne, Billigbarbershops und alter Käse schrecken auch ab! So gibt es nur einen Weg, will ich erfolgreich sein und auch morgen noch hervorragende Mitarbeiter und Azubis haben und der ist eindeutig und unmissverständlich…

PREMIUM!

Also, wie fange ich es denn nun an, dass mir so viele und vor allem tolle junge Leute zulaufen!?

Starten wir mal mit allem Anfang… den Bewerbungen und den Bewerbern! Wenn ich eine so große Flut an Bewerbungen bekomme, mache ich eine sehr gute und klar strukturierte Vorauswahl! Was für einen Auszubildenden suche ich denn überhaupt!?Haarchitektur-Lueneburg-Ausbildung

Mal ein paar Stichpunkte, wie man schon an der Bewerbung erkennt, ob der Azubi Potential hat:

  • einigermaßen intelligent
    ich lege weniger Wert auf super Zeugnisse, aber einen fleißigen Jugendlichen erkennt man nun eben auch an den Zensuren, es muss nicht unbedingt Abitur oder ein anderer höhere Abschluss sein, aber ein Topstylist kann nicht dumm wie zehn Meter Feldweg sein!
  • unbedingt Sozialkompetenz
    weit wichtiger als ein Topzeugnis sind mir die Softskills, soziale Intelligenz ist der wichtigste Erfolgsfaktor in unserem Beruf, ohne den geht rein gar nichts! Erkennen kann man diesen oft auch an Zeugniseinträgen, Hobbys und schulischen Sonderaktionen, aber auch an der Ausdrucksweise in dem Bewerbungsschreiben.
  • sehr gerne aus größeren Familien mit Geschwistern
    ist sicherlich kein grundlegender Punkt, aber nachweislich sind Kinder aus größeren Familien eher in der Lage Aufgaben zu übernehmen und das Thema verzogenes EINZELKIND kennen wir ja alle.
  • gute Bewerbungsunterlagen und gut geschriebene Texte, an denen ich erkenne, dass sich der Bewerber Mühe gegeben hat
    auch hier ganz klar, wer sich keine Mühe bei seiner Bewerbung gibt, tut es dann später auch nicht bei uns im Salon
  • prinzipiell auch sehr gerne mit Migrationshintergrund (wobei, hier fast ausschließlich nur Mädchen)
    heikles Thema: Mädchen aus ausländischen (morgenländischen) Familien werden oft sehr viel strenger erzogen, als das noch heute bei uns üblich ist. Sie müssen zu Hause sehr viel helfen und es wird ihnen Achtung vor dem Alter, freundliches höfliches Auftreten und Verantwortung für jüngere Geschwister, von klein an eingebläut… oft sind sie zuhause unterdrückt oder unglücklich und haben mit ihrer Ausbildungsstelle eine zweite Familie gefunden, in der sie liebevoller und weit mehr auf Selbstbewusstsein gesteuertes Verhältnis trainiert werden. So erhält man überaus ehrgeizige und loyale Mitarbeiter! Nur alles, was für Mädchen gilt, gilt oft genau im Gegenteil für Jungen, diese helfen in der Regel gar nicht zu Hause und haben häufig ein größeres Problem, sich etwas von einer Frau sagen zu lassen! Mir liegt es fern, hier alle und jeden über einen Kamm zu scheren, aber unsere Erfahrung spiegelt diese Situation sehr deutlich wider. Probleme gibt es hier leider oft im schulischen Bereich, noch heute sind Jugendliche mit Migrationshintergrund benachteiligt, auch weil Familien sie in der Schule leider weit weniger unterstützen können!

So die Planung, wie wir in die Vorauswahl gehen… ich hatte in den letzten zwei Jahren sechs Vorstellungsgespräche und habe 5 Azubis eingestellt. Drei meiner Azubis haben Abitur und eine einen höheren Wirtschaftsschulabschluss. Und wie kommt es, dass fast jedes Vorstellungsgespräch zu einer Anstellung führt!?

Ganz einfach ich, bewerbe mich bei meinen Azubis!

Es macht wirklich Heidenspaß, wenn ich die jungen Leute zu einem Vorstellungsgespräch einlade und sie dann persönlich zu mir in den Salon kommen! Stets klappen ihnen die Kinnladen runter, wenn ich mich und mein Unternehmen nach der Begrüßung aufwendig vorstelle und mich bei den jungen Leuten bewerbe. Ihnen von meinem Unternehmen, meinem Konzept und auch der Art und Weise, wie ich meine Azubis ausbilde, vorschwärme! Es macht mir eine diebische Freude zuzuschauen, wie ihre gesamte Erwartungshaltung unerfüllt bleibt, das ganze Gespräch in eine lockere und freundliche Vorstellungsrunde ausläuft und ich den jungen Menschen umwerbe, aber auch klar aussage, dass wir natürlich nur die “besten” Auszubildenden gebrauchen können und wir uns deswegen genau bei ihm/ihr bewerben wollen! 😉

Stets rede ich in der Istform, das bedeutet, dass ich schon im Gespräch davon ausgehe, dass sich alles genau um ihn/ sie dreht und viel wichtiger, er schon mein neuer Azubi ist! .
Beispiel: Sie besuchen die Berufsschule hier in Lüneburg, ihre Ausbildungsvergütung “beträgt” 470€ im ersten Lehrjahr und sie “arbeiten” bei uns vom ersten Tag an an Kunden. Sie “sind” bei uns kein Mitarbeiter zweiter Klasse, sie sind mit ihren Azubikollegen die wichtigsten Mitarbeiter, für Kundenzufriedenheit und Service!

Dann stelle ich dem zukünftigen Azubi seine neuen Ausbilder für die so wichtige und schwierige Anfangszeit vor, seine Azubikollegen aus den höheren Lehrjahren und biete an, dass er gerne auch ein Gespräch mit den Kollegen alleine, also ohne mich führen kann! (was bis dato noch nie in Anspruch genommen wurde)
Eigentlich habe ich den Azubi schon nach den ersten 10 min. in der Tasche und kaum einer will dann noch irgendwo woanders arbeiten.

Und nun zu unserem Ausbildungsskonzept:

Haarchitektur-Lueneburg-Ausbildung (2)

nur selten müssen unsere Azubis an der Plastikbirne üben! 🙂

Wie schon im Text zuvor beschrieben, sind unsere Azubis keine Mitarbeiter 2. Klasse, sie sind die wichtigsten Mitarbeiter für Kundenzufriedenheit und Service, sind maßgeblich verantwortlich, dass der Kunde sich entspannt, umsorgt und wohl fühlt! Auch arbeiten unsere jungen Mitarbeiter vom ersten Tag unter Anleitung der Azubis aus den 2. + 3. Lehrjahr am Kunden mit. Unser gesamtes Konzept ist auf Assistenzarbeit der Azubis ausgelegt, kaum ein Mitarbeiter trägt mal Farbe selbst auf, sogar die Kopfwäsche und die wunderbaren Wohlfüllmassagen werden von unseren Service-Spezialisten durchgeführt, diese haben die Ruhe und keinen Termindruck, sie können entspannt und in aller Ruhe diese so wichtigen Arbeiten ausführen! Aber auch in jeglichen Farbtechniken werden unsere Azubis schnellstmöglich eingearbeitet und das Thema Farbberatung, Farblehre, Typberatung beherrschen sie in der Regel nach ca. einem halben Jahr. Auch hier haben wir schnell sehr gut ausgebildete Spezialkräfte.

Da die Spezialisten aus den Vorjahren automatisch auch für die anfängliche Speziallistenausbildung zuständig sind, gehen wir sicher, dass die neuen Spezialeinsatzkräfte nur von den absoluten Koryphäen ausgebildet werden, eben jenen, die dies ganze Thema vor nicht allzu langer Zeit erlernt und noch frisch in Erinnerung haben. So festigen sich diese Themen noch viel tiefer bei den schon länger anwesenden Azubis, denn ein wichtiger Spruch kommt hier zur Geltung:

Lehren lehrt mehr als lernen!

Außerdem wird die Arbeit eines Auszubildenden so deutlich aufgewertet und das Selbstwertgefühl steigt dadurch natürlich auch! Aber auch der Kunde nimmt diese so wichtigen Arbeiten ganz anders wahr, da den neuen Kollegen bei der Arbeit am Kunden so viel über die Arbeitsschritte erklärt wird, bekommt auch der Kunde oft das erste Mal mit, wie komplex die Arbeit am Haar überhaupt ist! Auch hier eine unglaubliche Wertsteigerung unserer Arbeit und so passt dieses Konzept perfekt zu unserem Premiumanspruch! Mal ganz abgesehen, dass auch der Kunde den Azubi mit ganz anderen Augen betrachtet, denn dieser ist wirklich ein wahrer Experte, wenn der sogar andere anleiten darf! Viele Premiumfriseure glauben, dass man seine Azubis nicht am Kunden einsetzen kann, da dieser nur die Besten an seinem Kopf wünscht…. kein Problem, meine Kunden bekommen nur die besten an ihre Köpfe und solche Probleme sind uns seit Jahren vollkommen unbekannt!

Natürlich lernen die jungen Mitarbeiter nicht nur von ihren Mit-Azubis, sondern eben auch andere Themen von den Ausbildern! Aber auch dies läuft stets “Learning by doing” ab. Führe ich ein Beratungsgespräch mit einem Kunden, ist der verantwortliche Auszubildende stets dabei und lernt so, das “to do” beim Beraten. Nach dem ich mit dem Kunden alles besprochen habe, frage ich den Azubi nach einer Rezeptur und natürlich der Vorgehensweise. Hier kann ich dann wunderbar z.B. auf den Farbtyp, sowie Weißanteile eingehen und natürlich Hilfestellung geben. Der Azubi lernt am lebenden Objekt und der Kunde hört wie komplex unsere Arbeit ist und wie viel Mühe wir uns mit unseren Azubis geben. An dem Tag, wo der Azubi sämtliche Vorgenweisen und Farbrezepturen folgerichtig auswählt und auch ohne Hilfestellung den richtigen Farbtyp erkennt und alle Entscheidungen richtig stellt… also an dem Tag wo ich dann nur sage: “Sehr schön, dann mach das doch bitte genauso!” Das ist dann der Tag, an dem der Azubi freudestrahlend und stolz in die Mixecke geht und eigenverantwortlich, stolz wie Bolle, die Farbe mischt und vom Kunden genau wie ich als absoluter Farbexperte wahrgenommen wird!

So haben wir Kunden, die sagen, es wäre ihnen egal, bei wem sie eingetragen sind, Hauptsache der “Stammazubi” macht die Farbe und den ganzen angenehmen Rest… nicht viel später hat der Kunde einen neuen Stammfriseur und der hat nicht mal ausgelernt! 😉

Aber insbesondere ich fauler Chef konzentriere mich nur noch auf das Wesentliche… sämtliche Zu- und Nacharbeiten, aufwendige Fön und Styling arbeiten machen meine Azubis und freuen sich nen Keks, denn das Trinkgeldtöpfchen springt am Abend aus allen Nähten! So kann ich mit unglaublich wenig Arbeit unglaubliche Umsätze fahren… da soll mal noch einer etwas über zu hohe Kosten, von Azubis sagen! Ich verdiene mich mit einer enormen Win-Win-Situation richtiges Geld an meinen Goldengeln! Aber auch Telefonannahme, Bestellung, Beantwortung von E-Mails, Social Media-Verantwortung, Kassen und Warenbestandspflege, bis hin zur Kalkulation und dem Schreiben von neuen Preislisten werden meine Azubis herangezogen.

So entstehen echte Vollwertmitarbeiter, mit unternehmerischem Denken und Praxis sogar in Geschäftsführungsbereichen. Nicht umsonst wurden wir schon mehrfach als Ausbildungsbetrieb ausgezeichnet und von der Handwerkskammer als Leuchtturm Betrieb betitelt. Klar, auch wir haben ab und an mal Rückschläge und gerade hat eine unserer 2 Neuen, innerhalb der Probezeit ihre Lehre abgebrochen…. aber das ist auch OK… eine Friseurausbildung mit Abitur… da muss es ganz einfach der Traumberuf sein!

Nun kommen wir zu dem Phänomen, dass ich so viele tolle Bewerbungen bekomme und warum so viele tolle junge Leute diesen schönen Beruf nur bei mir erlernen wollen!

Natürlich erzählen meine Auszubildenden in der Schule, daheim und auch bei ihren Freunden und Bekannten von ihrem so schönen Azubileben, so kommt es zur guten alten Mund-zu-Mund Propaganda! Darauf werden immer mehr Menschen aufmerksam! Auch Jobportale haben diese Themen für sich erkannt und ich habe mehrere Gastbeiträge darüber verfassen dürfen… so ist es natürlich kein Wunder das auch “DU” nun diesen Artikel liest und solltest Du gerne Friseur werden, darüber nachdenkst, Dich bei mir zu bewerben! 😛

Ich würde mich sehr freuen! 🙂

By | 2018-02-26T23:00:28+00:00 15. Januar 2018|Allgemeines|1 Kommentar

About the Author:

Friseurmeister und Inhaber des Friseursalons Haarchitektur in Lüneburg. Dozent und Prüfer in der Meisterschule der Handwerkskammer Lüneburg (Braunschweig-Lüneburg-Stade). Fachautor, Social Media Experte und Fachtrainer für verschiedene Firmen der Beautybranche.

1 Kommentar

  1. Martin Jahns 12. April 2018 um 11:13 - Antworten

    moin herr lüneburg….christian funk – ihre sprache gefällt – viel erfolg weiterhin .

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