Piep-Piep – merkwürdige Signale aus der Friseurbranche?

In der Facebook-Friseurgruppe Friseure gab es vor einiger Zeit eine, wie ich finde, bedenkliche Diskussion! Ein/e Kollege/in war maßlos entsetzt, das seine/ihre Mitarbeiter so undankbar und faul waren, das sie ein in ihrer Freizeit geleistetes Seminar, auch mit Freizeit ausgeglichen haben wollten!

Da frage ich mich dann oft… was stimmt bei diesen Leuten nicht?

Erstens geht es um Rechtlichkeit… es ist ganz einfach verboten… und vor Gericht würde der Richter dem Chef mit kaltem Lächeln den Hals zuschnüren! Da müsste dieser überhaupt nicht lange überlegen!

Aber es geht mir nicht mal nur um Rechtmäßigkeit!

Wir Friseure verdienen “alle” viel zu wenig… die meisten Unternehmer sind so dusselig, das sie mit 2000 – 2500 € meinen, dass es ihnen ach so gut geht und nicht mal verstehen, das sie damit weit weniger verdienen als ihre in der Regel mies bezahlten Mitarbeiter! Oft hantieren Unternehmer ohne es zu verstehen, ohne Verstand unter dem Hartz 4 Limit und glauben aber, weil sie zuvor als angestellt z.B. zum Mindesttarif oder Mindestlohn unterwegs waren, das 500 € mehr nun auch unglaublich viel mehr ist! Die meisten dieser Unternehmer haben null Liquidität, kaum Absicherung und schon gar keine ausreichenden Rücklagen! Mal von den eklatant viel höheren Lohnnebenkosten (gegenüber MA´s) abgesehen!

In den letzten 29 Jahren sind die Friseurpreise ca. um das 3,5-fache gestiegen! Das ist gemessen an der allgemeinen Teuerungsrate z.B. bei anderen Handwerkern viel zu wenig! Die Löhne sind Währungs- und inflationsbereinigt gerade mal um das 1,5-fache gestiegen! Das bedeutet… ein Friseur hat 1990 schon wenig Lohn bekommen, aber heute ist es sauber umgerechnet , noch viel weniger… aber keiner versteht es, das diese Rechnung so niemand aufgestellt hat!

Heute wundern sich die lieben Unternehmerkollegen das sie keine Mitarbeiter mehr finden!?Friseurcoaching-Christian-Funk-Lueneburg-Friseursalon-Haarchitektur-was-stimmt-nicht

Wirklich jetzt!?

Ey… andere Branchen lachen sich scheckig über uns, wenn sie nicht selbst auch schon massiver Nachwuchs- und Fachkräftesorgen hätten… denn denen vergeht das Lachen gerade!

Wir Friseure sind so weit noch immer nicht, wir wundern uns noch immer! Und wir rechnen noch immer das Trinkgeld auf den Lohn unserer Mitarbeiter und wir verlangen z.T. wirklich das unsere Mitarbeiter ihre Freizeit opfern, damit sie sich für UNS entwickeln… das ganze bei Grundgehältern um die 10€ (ich übertreibe jetzt mal, viele wären froh, wenn sie das überhaupt bekämen) und Leistungserwartungen, die mit dem eklatant niedrigen und  Zeit-Geld-technisch vollkommen falsch berechneten Kalkulationen, überhaupt nicht zu erfüllen sind!

Eine andere Diskussion auch auf Facebook – eine Kundin beschwerte sich bei einem Gruppenmitglied, warum sie und ihre Freundin 230€ (zusammen) bezahlen müssten – da ihre Behandlung bei beiden Damen nach Aussage der Kollegin je 4 Stunden Zeit veranschlagt hatte.

Ich habe einen schnellen Taschenrechner – und kam auf eine  Stundensatz von 28,75 € inkl. Material!?

Die Dame zahlt angeblich übertariflich und ist auch nicht mobil unterwegs! Ich versuche es mal mit eine ganz einfachen Rechnung!

119%             =                                                                       28,75 €   pro Stunde Umsatz inkl. Material
–   19% MwSt   =                                                                   24,16 €
–   10€ Stundenlohn + 22,5 % Lohnnebenkosten         11,91  €
–   10% Material                                                                     9,42 €
–  20% Gemeinkosten                                                           4,65 € (20% Gemeinkosten ist der mindeste Satz um eine Unternehmen aufrecht zu halten – komplett ohne Service)
–   15% Verlust                                                                        3,62 € (Grundsätzlich müssen wir von durchschn. 15% Verlust ausgehen)

Bleibt ein Gewinn                                                        1,03 €  (4,26%) an einer Stunde Arbeit, wobei ich hier schon utopisch niedrige Grundwerte hinterlegt habe – hat da noch einer Fragen?

Irgendein Kollege war hier recht treffend der Meinung – ohne Schwarzgeld kann man so doch nicht überleben! Kurz danach war der Beitrag dann gelöscht – die Kollegin komplett uneinsichtig und glaubte tatsächlich, sie würde mit 28,75 € Stundensatz alles sauber kalkuliert haben!

Mal davon abgesehen, warum beschweren sich Kollegen mit billigsten Preisen, das sie Asis anziehen, die es am liebsten sogar umsonst haben wollten!
Wann fangen wir an, unternehmerisch zu denken und zu handeln?
Uns, unsere Mitarbeiter und unsere Arbeit so maßlos unter Wert zu verramschen?
Fragt man in die Runde, sind alles “gute” Friseure – fachlich und qualitativ auf allerhöchstem Niveau – haben aber Preise, als wären sie die letzten Kurpfuscher!?

Da kosten bei so manchen Kurzhaarschnitte z.B. 40€, was ja gar nicht mal so wenig ist!
Mittellanges Haar (10-15 min. Mehraufwand) dann 43€ und für langes Haar wird, wenn man Glück hat , 47€ verlangt, ohne das es jemanden auffällt, das sauber kalkuliert, jede Minute ca. einen Euro mehr kosten müsste!

Aber noch besser da verlangen viele Kollegen für den Haarschnitt 40-45€ und setzten hier dann ca. 40min Arbeit voraus und haben damit einen durchaus vernünftigen Preis!
Die Ansatzfarbe aber wird bei gleichem Zeitaufwand (Kunde begrüßen, kurze Beratung, Farbe anmischen, auftragen, ausspülen, aufemulgieren, shampoonieren,absäuern) trotz Materialaufwand, dann aber für ca. 30€ verramscht! Ohne das sich da auch nur ansatzweise einer eine Platte macht, das es hierbei doch nur auf ein Verlustgeschäft hinauslaufen kann?

Da wundern sich etliche Kollegen, die mein Kalkulationsservice in Anspruch nehmen, das sie nicht auf den grünen Zweig gekommen sind, obwohl der Startpreis ja gar nicht so billig war! Checken aber nicht, das sie bei “allen” aufwendigen Dienstleistungen krass viel Geld verschenken. Diese gesamte Misswirtschaft wird auf den Schultern der Mitarbeiter abgewälzt… diese knechten dann im Akkord und bekommen trotzdem keine Provisionen, weil der Chef das Geld unbewusst oder aus dem irren Glauben heraus, man könne ja nicht mehr nehmen, an seine Kunden verschenkt!

Da freut sich der Unternehmer dann schon wenn überhaupt die Grundleistung der Mitarbeiter einigermaßen stimmt… dann wird aber gesagt… mach doch erst mal Deinen Umsatz… so kann ich Dir nicht mehr zahlen!  Was dann nicht reinkommt… lege ich mir als Chef dann halt schwarz neben die Kasse oder arbeite mich und meine Mitarbeiter für Hungerlöhne krank!

Irgendwie wird das schon gehen!

Liebe Leute… ich kann das alles gar nicht mehr ertragen! Das ist alles in den Köpfen fast der gesamten Friseurbranche so unglaublich schiefgesteuert… das ich kaum Hoffnung habe, das sich hieran noch etwas zum Guten ändert! Das große Sterben hat schon angefangen… wohl dem der die Kurve noch bekommt!

Und ich weiß… was jetzt kommt… nein bei uns ist das alles anders… schön bei mir auch… aber über 80% der Branche zerstören mit dieser Arbeits- Kalkulations- und Bezahlpolitik und dem vollkommen fehlgesteuerten Denken unser Image und auch für die wenigen, die es anders machen wollen, wird das zu einem Desaster weil den Scheiß keiner mehr machen will!

Immer weniger wollen den Beruf ergreifen und der, der so belämmert war, der merkt spätestens nach der Lehre, dass ihm außer Akkord und Fließbandarbeit höchstens noch die Altersarmut blüht!

Was es dringend brauch ist eine gesamte Reform für unseren Beruf – Unternehmer die endlich den Arsch in die Hand nehmen und sich ihrer unternehmerischen Pflicht stellen, sich ihrer Verantwortung für Ihre Mitarbeiter und sich selbst bewusst werden und aufhören, sich selbst und ihre Mitarbeiter in die Altersarmut zu führen – damit wir hier eine deutliche Veränderung in dem gesamten Gewerk erreichen – mit Außenwirkung, damit junge und motivierte Menschen hören, sehen und spüren, das wir diesen Beruf auch anders ausüben können!

Und es muss dringend eine Marktbereinigung her – es müssen gleiche Wettbewerbsbedingungen geschaffen werden! Die AUSBILDUNG muss dringend erneuert und reformiert und qualitativ aufgewertet werden! Es gibt so unglaublich viele Stellen, an denen geschraubt werden muss! Aber ich höre alle entweder nur jammern – meckern – über Innungen und Verbände – es treten immer mehr aus – sich selbst dort zu engagieren davon will ich gar nicht mehr reden! So verlieren wir auf Dauer unseren politischen Vertreter – schon heute haben die kaum noch Handlungsspielräume!

  • Ausbildungsquoten weit unter 15% und Schulklassen die mit höheren Klassen zusammen unterrichtet werden müssen, weil nicht mehr ausreichend Schüler da sind, in den Berufsschulen! Oder Berufschulen, die demnächst ganz geschlossen werden.
  • An die 30% Unternehmer im Friseurgewerbe mit 66€ Umsatz am Tag – und keiner kommt auf den Trichter das da etwas nicht stimmen kann!
  • über 35% Unternehmer, die unter 200€ am Tag umsetzten und somit berechtigt sind, Hartz 4 zu beantragen – kommt da keiner auf die Idee, dass das ein wenig krank ist?
  • Tarifabschlüsse 0,50€ über dem Mindestlohn – aber Verbände und Gewerkschaften feiern sich dafür?
  • Über 80% der Friseure agieren mit günstigen Preisen am Markt – nur Kunden die einen “guten” Friseur suchen, haben Probleme diesen zu finden!? Sind wir wirklich so schlecht, das wir nicht mehr verlangen können?
  • Durchschnittliche Löhne knapp über dem dem Mindestlohn – und wir wundern uns das wir keine Fachkräfte und Azubis mehr finden?
  • Überleben der meisten Friseure ist bei den durchschnittlichen Preise nicht möglich – das ist eine rechnerische Klarheit, die auch jeder Steuerprüfer sich ausrechnen kann!
  • Billige Barbershops an jeder Ecke und es sprießen immer mehr! Nicht das wir schon genug Probleme hätten… nun kommt auch noch diese Situation auf uns zu!

Ich höre nun lieber auf hier schwarz zu malen … es gäbe Mittel und Wege diese Situationen zu verändern – aber dafür muss man auch bereit sein an sich, an seinen Mitarbeitern und an seinem Unternehmen zu arbeiten und die Veränderungen heute einzuleiten!

Ich habe mir so manchen Vortrag auf der Top Hair Messe 2019 angehört und sämtliche Speaker sind sich dort einig gewesen! In dieser Krise liegen enorme Chancen! Das Aussterben der Friseure hat der Daniel Golz referiert und meinte aber ganz klar, so wie damals bei den Dinosauriern – die nämlich gar nicht ausgestorben sind, sondern sich in Wirklichkeit angepasst haben und so zu einer sehr erfolgreichen Spezies entwickelt haben!  Nun liegt es an Euch, Euch anzupassen und nicht den Abwärts-(Aussterbe-)Trend mitzumachen, sondern sich dieser neuen Marktlage anzupassen, auf Qualität und Leistung – Service – gesunde Preise und Löhne zu setzten und somit gestärkt aus dieser Situation herauszugehen!


Brauchst Du Hilfe und hast auch Du vor Dich anzupassen? Dann besuchen meine Seite und lass Dich inspirieren  www.friseur-coaching.de  oder sterbe aus! Du hast es in Deiner Hand!

By | 2019-04-17T10:20:11+02:00 14. April 2019|Allgemeines|3 Kommentare

About the Author:

Friseurmeister und Inhaber des Friseursalons Haarchitektur in Lüneburg. Dozent und Prüfer in der Meisterschule der Handwerkskammer Lüneburg (Braunschweig-Lüneburg-Stade). Fachautor, Social Media Experte unabhängiger Fachtrainer, Choach & Berater, Seminarleiter für die Beautybranche.

3 Kommentare

  1. Klaus Baum 15. April 2019 um 8:57 - Antworten

    Alles Richtig. Aber ich glaube nicht mehr auf Veränderung von innen ( aus der Branche ). Die Geselschaft sieht Ftiseure da wo sie jetzt sind und immer waren. Ich habe Kunden verloren mit dem Argument : Ihr seit doch irre teuer. Wenn man Friseur wird weiß man doch das man nichts verdient. Weiterhin ist es nachgewiesen das 20- 30 % der Gesellschaft egal ist was Friseur kostet. Der Rest streckt sich nach dem Geldbeutel. Es ist unübersehbar das Deutschland ein Billiglohnland ist. Deine Meinung und Aussagen sind richtig. Dennoch sollten wir uns fragen was möglich ist aus Verbrauchersicht. Denn sonst gibt es Konzepte die nur von ca 20 -30% der Bevölkerung zu bezahlen sind.

  2. Dawid Lenz 15. April 2019 um 9:41 - Antworten

    Die Bezahlung hat natürlich auch immer was mit der Leistung zu tun, ich sollte mich mal als MA fragen warum bekomme ich nur Mindestlohn, denn ich habe langsam das Gefühl es geht hier nur um eine Einbahnstrasse. Nein, die Strasse geht in beide Richtungen, der MA muß gute Leistungen bringen und dann kann er auch gute Bezahlung erwarten bzw. fordern.

    Bei uns ist das so, wir zahlen zwischen 10,- € bis 18,- € die Stunde bei einer 40 Stunden Woche, plus Erfolgsprämie bei Zielerreichung, Jahresprämie bei regelmäßiger Anwesenheit und Weihnachtsgeld. In Planung haben wir das wir das wir demnächst noch eine Betriebsrentenversicherung für die MA abschließen wollen. Der MA muß den 4,5 fachen Satz umsetzen, erst dann kommt er in die Prämie, bei uns zählt der Gesamtumsatz also Dienstleistung inkl. Verkauf.
    Klar ist natürlich das der MA das Ganze auch erwirtschaften muß, denn backen können wir das Geld ja nicht.

    ja, die 18,- € pro Stunde sind ein hochgestecktes Ziel, ist aber mit unserem Kundenstamm und bei unseren Preisen machbar, ein MA schafft es….. :-), hat immer was mit einem selbst zu tun, was will ich erreichen, oder was reicht mir…!

    Hier wird immer auf dem Meistertiel als die “Lösung” rumgeritten, meiner Meinung nach kann dies nicht die Lösung sein. Die Qualifikation der MA ist es, wir hatten in der Vergangenheit einige Meister beschäftigt, leider wurde sehr oft keine Meisterarbeit abgeliefert, teilweise weit unter unserem Anspruch mit großen Defiziten, also das kann nicht die “Lösung” sein.
    Ich frage mich schon, wie so mancher seine Meisterprüfung bestanden hat wenn er noch nicht mal seine Preise kalkulieren kann, wie geht das….?

    • Christian Funk 17. April 2019 um 10:13 - Antworten

      Lieber Dawid – grundsätzlich denken wir gar nicht so viel anders – aber Dein System funktioniert nur, wenn Löhne – Leistungserwartung – Preise – Qualität und Service im Einklang sind! Bei Dir höre ich heraus, das das durchaus so ist, nur bei mind. 80% der Friseure sind hier die Parameter meilenweit voneinander entfernt! Da will man motivierte und fleißige Mitarbeiter haben, bezahlt aber schon von vornherein nur Hungerlöhne, dann sind diese Menschen schon von Anfang an demotiviert und lustlos! Schlimmer, die Kollegen fordern mit horrenden Multiplikatoren, extreme Umsätze, aber die Preise sind überhaupt nicht an diese Umsätze angepasst! Verdienst kommt auch bei mir von “VERDIENEN” aber das ganze muss schon mit menschenwürdigen Löhnen beginnen und sämtliche Parameter des Unternehmens müssen betriebswirtschaftlich aufeinander angepasst sein, denn nur so kann das Gesamtpaket funktionieren! Ich persönlich stelle zu 99,99% nur Mitarbeiter ein, die auch selbst ausgebildet habe – so kann ich mir über die Güte dieser Mitarbeiter doch sehr viel sicherer sein als, wenn ich die nette Katze im Sack einkaufe! 😉

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