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Friseure verkaufen ihre Lebenszeit! Und das viel zu billig!

Schaut man sich die durchschnittliche Preispolitik im Friseurhandwerk an, könnte man durchaus glauben, dass jeder Döner oder Dose Energy mehr wert wären, als die Handarbeit eines ausgebildeten Handwerkers!

Da verramschen Unternehmer die Leistung ihrer Mitarbeiter und diese gehen für den Mindestlohn von nun 8,84 € schaffen? Eigentlich eine absolute Untauglichkeit, schon eine ungelernte Putzkraft verdient kaum unter 10€ die Stunde. Berechnet man bei einem Stundenlohn von 10€ mal seine Rente, wird einem schlecht! Deutlich weniger als 800€ Rente… da gehen 60-70% für die Miete drauf! Dann weiß man, was man im Alter tun wird. Nämlich zum Amt gehen und harzen und nebenbei, wenn man dann noch laufen kann, wühlt man leere Pfandflaschen aus dem Müll!

Diese Prognosen sind Euch zu düster!? Kann ich leider nicht ändern, denn so wird die Zukunft vieler Friseure ausschauen!

Jede Verkäuferin bei Aldi verdient mit mindestens 15€ die Stunde weit mehr als die meisten Friseure und wir machen dabei reine Handarbeit. Überall wo man Handarbeit bekommt, muss man viel bezahlen, denn Handarbeit kostet für gewöhnlich! Nur wir Friseure verkaufen das für weniger als wenig und wundern uns, dass die Geschäfte so schlecht laufen? Für mich ein klares Zeichen, wir müssen unsere Arbeitszeit in eine andere, für jeden verständliche Währung umrechnen! 

Ein Unternehmer, der z.B. Döner verkauft, kann in dem gleichen Zeitraum mit unglaublich geringem Material- und Arbeitseinsatz mehrere hundert Euro Umsatz pro Stunde erwirtschaften!
Glaubt ihr nicht!? 4,00€ für einen Döner und ca. eine Minute Arbeitszeit, plus ca. 0,50 € Material, dann kostet der Döner tatsächlich unglaubliche 240€ pro Stunde!!!

Die meisten Friseure freuen sich, dass sie etwas über 30.00€ in der Stunde Umsatz machen und sind hiermit dann, sollte der Zoll freundlich vor der Tür stehen, automatisch verdächtig auf irgendeine Art und Weise zu manipulieren! Denn weniger als 38€ die Stunde ist ohne Schattenwirtschaft laut Zollamt nicht möglich! Ich habe in anderen Beiträgen schon vorgerechnet, das sogar 50€ nicht machbar sind! 

Nun wollte ich die Zeit die wir in eine Dienstleistung stecken, in eine andere für jeden verständliche Währung umrechnen!
Denn letzte Woche hatte ich einen Kunden, der als Unternehmensberater für seine Firma einen Tagessatz (8Std) von ca. 1800€ an seine Kunden vorgibt und hat diese irrsinnige Summe damit begründet, dass er ja immerhin seine Lebenszeit für den Kunden zur Verfügung stellt!
Lebenszeit, in der er mit seinen Lieben die schönsten Dinge unternehmen könnte! Seine Lebenszeit sei doch begrenzt und wäre somit auch sehr viel wert! Er berechne sie mit mindestens 225€ die Stunde, natürlich plus MwSt! 😉 Klar, der Mann steckt sich das nicht alles in die Taschen; auch er hat Unkosten, Büromiete, Spesen, Fahrt- und Reisekosten und natürlich muss auch er seine Mitarbeiter bezahlen! Es gibt auch andere Unternehmen die Stundensätze von 500€  und mehr ansetzten! 

Trotzdem muss ich sagen, dass mich das unglaublich nachdenklich gemacht hat! Warum maßt dieser junge Mann sich an, seine Tagesleistung für 1800€ zu verkaufen und ich werde schon schräg angeguckt, wenn ich mit 65€ Stundensatz plus Material so fürchterlich teuer bin! Ich opfere doch auch meine Lebenszeit für meine Kunden, auch ich könnte in dieser Zeit unglaublich viele schöne Dinge unternehmen, mit den von mir so sehr geliebten Menschen. Was ist mir das denn überhaupt persönlich wert!?

Kaum gedacht und schon eine Umfrage in die Friseur-Facebook-Gruppe gestellt, war ich wirklich sehr gespannt, was meine lieben Friseurkollegen da so eintragen werden! Von dem Ergebnis war ich tatsächlich ziemlich überrascht!

Der Großteil unserer Kollegen schätzt jede Stunde ihrer Lebenszeit als unbezahlbar ein!

Gleichzeitig verschenken viele doch tagtäglich so unglaublich viel davon für fast nichts! Wie kann es sein, dass die Kollegen jede Stunde ihrer Lebenszeit als unbezahlbar einschätzen, aber diese Währung dann auf der anderen Seite für ’n Appel und ’nen Ei rausdonnern! Warum ist es uns Friseuren nicht möglich, unsere Leistung, die wir tagtäglich mit der kostbarsten Zeit leisten, die uns begrenzt zur Verfügung steht, nicht ansatzweise ausreichend honorieren zu lassen!?

Wie soll es denn weiter gehen in unserer Branche? 8.84€… 9.50€ … 10.00€ … oder auch mehr… was macht das letztendlich auf dem Konto der Mitarbeiter aus? Wie bestreitet man von solchen Löhnen ein Leben im teuren Deutschland, wie wird das Alter finanziert und wie soll davon eine Familie, eine Wohnung, ein Auto und gesunde Lebensweise finanziert werden!?

Wirklich geschätzte und durchaus geachtete Kollegen habe ich sagen hören…

Ich zahl doch nicht für ne Katze im Sack… bei mir gibt es anfangs nur den Mindestlohn (oder irgendwas knapp darüber) und dann muss ich Leistung sehen, denn ich zahle nach Umsatz!

Klar, ich mache das nicht wirklich anders und auch in meinem Unternehmen muss der Mitarbeiter natürlich einen gewissen Umsatz erwirtschaften; nur so kann es funktionieren! Aber wer mit 8.84€ anfängt, der hört schon nach 8,84 min. auf, auch nur ansatzweise motiviert zu sein! Und zu hohen Umsätzen und höheren Löhnen gehören verdammt nochmal auch hohe Preise! Sonst dreht man sich im Hamsterrad und auch das macht keiner für ewig ! Wenn ich höre „ich zahle doch übertariflich“ dann klingt das für den arbeitssuchenden MA in etwa so…

Ich bekomme irgendwas zwischen 9.00 -10.00€ p. Stunde…

„Mach Deinen Scheiß alleine!“… würde auch ich mir denken!

Fakt ist, auch wenn wir Friseure stets mit viel Herz, Liebe und gaaanz fröhlich unseren geliebten Beruf ausüben und ich immer wieder höre, dass Geld ja nicht alles ist, sollte man von seiner Arbeit schon leben und nicht nur überleben können! Wir leben in einem teuren Land und alles was man so zum Leben braucht, ist ziemlich teuer zu kaufen! Wie passen hier 4.99€ – 13.00€ für Handarbeit ins System!?

Wie schaut es denn aus in der schönen glitzernden Friseurwelt? Junge Mitarbeiter sind oft gezwungen ihre Lebenszeit an Seelenverkäufer zu verramschen… aber auch viele erfahrende Kollegen lassen ihre Lebenszeit maßlos unter Wert verhökern! Immer wieder höre ich die Frage…

Aber warum machen sie es denn überhaupt, warum arbeiten sie für solche Preise, warum lassen sie sich für so einen Hungerlohn abspeisen!?

© Lüneburger Landeszeitung dpa

Die Antwort ist leider immer häufiger, weil es in den sogenannten „guten“ und „teuren“ Läden auch oft nicht wirklich besser ist! Wenn man Glück hat, verdient man dort um die 10€… der Druck ist hier auch nicht besser und so manche arrogante Unternehmer faseln was von… „Hast doch Glück, dass du bei mir arbeiten darfst!“

Oft zählt der Mitarbeiter auch hier nicht mehr als das Schwein im Stall!

Viele Kollegen müssen in solchen Salons unbezahlte Überstunden, Auftritte auf Events und Shows ableisten und bekommen dafür zu hören, wie gut sie es doch haben, für etwas mehr als den Mindestlohn, in einem Elite-Salon zu ackern!

Selbst eine Elite-Organisation aus der Friseurbranche empfiehlt ihren Mitgliedern doch „bitte“ 10.00€  zu zahlen und das seit Jahren! Mir wird regelmäßig zugetragen, dass diese Empfehlungen von sehr vielen Mitgliedern dieser „Elite“ nicht ansatzweise eingehalten werden! Wieso ist das so!? Es wird über Innungen, Verbände und Tarifverträge geschimpft und eine „Elite-Organisation“ ist nicht bereit, einen menschenwürdigen Lohn als Mitgliedsbedingung einzuführen!? Und wie ich weiter oben schon geschrieben habe, bei 10€ Stundenlohn sind diese Mitarbeiter solch eines Elite-Salons der Altersarmut verschrieben! Und ich muss sagen, diese schwarzen Schafe tun uns sauber agierenden Unternehmer weit mehr weh, als es die Discounter, Ketten oder Billigläden tun, denn von denen wird schlechte Bezahlung vielleicht erwartet!

Von einem teuren Laden erwartet man, dass die Mitarbeiter wenigstens menschenwürdig entlohnt werden!
Das wirft ein enorm schlechtes Licht auf mich und andere tolle Unternehmer!

Wir sind noch weit entfernt vom demografischen Wandel… trotzdem bekommt irgendwie kein Schwein mehr Mitarbeiter! Nahezu jeder sucht… entweder Mitarbeiter oder Auszubildende!

Aber woran liegt das!?

In unserem Landkreis  gibt es über 100 Friseursalons… in der Schulklasse des erstens Lehrjahres sind zwölf Azubis… und drei davon arbeiten bei mir!
In den Innungsversammlungen hört man nur, dass es keine vernünftigen Bewerber gibt… ich habe letztes Jahr ca. 80 Bewerbungen gehabt! Und kann und will auch behaupten, dass diese fast alle auf hohem Niveau waren.

Welcher „Nichtfriseur“, der eine Berufsausbildung über 3 Jahre absolviert hat und vielleicht 10 Jahre im Beruf ist, würde für 8.84€ arbeiten gehen!? Wer würde dies für lächerliche 10.00€ die Stunde tun!? Warum wundert sich noch irgendjemand, warum es immer weniger saudumme Leute gibt, die diese Erniedrigung geschehen lassen!? Ich habe schon so manche Diskussion bei Facebook geführt… und man redet gegen Wände!

„Ich zahle gut und trotzdem finde ich keine Mitarbeiter“… Stellt man die Frage was denn „gut“ ist, wirds  mit einem mal ganz still, oder schaut man sich die Preise desjenigen an, wird hier klar gelogen! Wie soll bei teilweise maßlos billigen Preisen, ein Lohn von weit über 10.00€ drin sein!? Unmöglich… aber auch für einen motivierten Mitarbeiter, der gerne mehr verdienen möchte, sind Preise immer wichtiger! Die Unternehmer locken mit „guten Löhnen“… dabei weiß jeder, dass hier schon unrealistische Verzweiflungssummen vorgegeben werden!
Die dann höchstens durch Schwarzgeld und andere Machenschaften eingearbeitet werden! Auch sind Praktiken, wie unbezahlte Überstunden, miese Pausenregelungen und so mancher wird auf 4 Tage eingestellt und arbeitet dann aber inoffiziell fünf Tage, so wird dann sogar der Mindestlohn umgangen! Hier von wenigen Einzelfällen zu sprechen, wäre naiv!
Ich lerne Jugendliche kennen, die diesen Beruf so gerne machen würden, aber dies von ihren Eltern verboten bekommen! Ja, wer will sein Kind schon in der Altersarmut wissen!?

Aber wie kommt man dann als Arbeitnehmer in einem Salon mit Fantasiepreisen je zu mehr Lohn!?
Da heißt es dann, „Wenn der Umsatz stimmt, dann bekommst Du mehr!“ Wie soll  das bei den marktüblichen Niedrigpreisen  jemals auf Dauer funktionieren? Wenn viele Chefs nicht rechnen können, dann sollten sie nicht davon ausgehen, dass dies auch auf „alle“ potentiellen Arbeitnehmer zutrifft! 😉 Übrigens noch viel weniger sinnvoll sind keine Umsatzvorgaben! So züchtet man automatisch unmotivierte Mitarbeiter, die ihre Leistung nur anhand zufriedener Kunden messen können, aber niemals  erkennen ob sie dies auch wirtschaftlich tun!

Seit einiger Zeit mein Leitspruch von Herrn Robert Bosch! (siehe links im Bild)

Sukzessiv steigere ich mindestens einmal im Jahr meine Grundgehälter, mein Ziel ist so schnell wie es geht auf durchschnittlich 15.00€ zu kommen, um wirklich behaupten zu können, dass ich „gut“ bezahle! Hier kann man leicht vernünftige Übergangsfristen für Jungfriseure einführen, um diese nicht zu überfordern. Bei ausreichend hohen Preisen und geschultem Know How, sollten  aber auch hier Anfangsgehälter um die 10.00 € – 12.00 € kein wirkliches Problem darstellen.
Ich habe mich schon lange von Tarifempfehlungen und Mindestlohn verabschiedet! Ich führe seit August 2017 ein neues Leistungslohnsystem bei mir im Salon. Durchschnittsgehälter liegen bei ca. 12€ p. Std. und ein Multiplikator (inkl. MwSt.) von 3,08 ist das was meine Mitarbeiter umzusetzen haben! Ich nenne es das „Fu|Lo Leistungsprinzip“ und so mache ich meine Mitarbeiter zu „Selbständige Unternehmer“ im Angestelltenverhältnis!

Den Umsatzüberschuss teilen wir wir uns nämlich! Das heißt… sie bekommen 50% Provision + 10% für Verkauf! Das ganz funktioniert natürlich nur, wenn die gesamte Kostenrechnung und Leistungssituation auch perfekt berechnet ist, das das bei mir garantiert so ist und ich schon bei Erreichen der Mindestumsätze gut leben kann, garantiert mir mein Betriebsauswertungstool! 🙂
So erschaffe ich unternehmerisches Denken und Mitarbeiter die eine eigene Verantwortung für ihre Löhne tragen! So verdiene ich an Fleiß und meine Mitarbeiter zu gleichen Teilen!   Sie wissen über die Kostenstruktur im Unternehmen Bescheid und schon meine Azubis lernen richtiges Kalkulieren, damit sie wissen, warum ein Preis seinen Preis hat und wie sich diese zusammensetzten!

Übrigens Lohnsteigerungen sind auch eine super Begründung für eine Preisanpassungen! Jeder Kunde der liest, warum wir „schon“ wieder teurer geworden sind, kann hierauf nichts erwidern! Denn er wird ja wohl unseren tollen Mitarbeitern etwas mehr Lohn gönnen!? 🙂

Denn wie heißt es so schön in der Zahnpastawerbung… „…damit sie auch morgen noch kraftvoll Zubeißen können!“

Ich möchte auch morgen noch motivierte und unternehmerisch denkende Mitarbeiter beschäftigen, ich möchte auch morgen noch intelligente und lernwillige Azubis einstellen… also bleibt eigentlich nur ein Weg… und der ist… Grundgehälter hoch… und das nicht nur ein bisschen, sondern reichlich und auch nicht erst morgen, sonst verhungert man irgendwann trotz ausreichender Kunden!

Nun kommen wir an den Punkt, wie will man das erreichen, wie will man seine Preise so anheben, das man auch ausreichende Löhne Zahlen kann!? Und ich rede hier jetzt nicht davon das jeder meine Preise und Löhne hernehmen soll, das war ja auch ein weiter weg aus der Durchschnittlichkeit zu dem wie ich mich, mein Unternehmen und meine Mitarbeiter heute aufgestellt habe und präsentiere! Sicherlich ist es schwierig, eine falsche Preis und Lohnpolitik umzustellen, von heute auf Morgen ist das kaum möglich, aber man muss schon irgendwann einmal damit anfangen! Denn die gesetzlichen Vorschriften (Bon und Kassenpflicht) werden einen Schwarzumsatz immer schwieriger machen! In Zukunft wird ein Überleben so nicht mehr möglich sein! Mitarbeiter bekommt  man nur, wer auch ausreichend bezahlt, ausreichend bezahlen kann nur jemand, der ausreichend und richtig kalkuliert! Will man dann wirklich als kleiner Einzelkämpfer mit miesem Lebensstandard, zukünftiger Altersarmut und am Rande der Legalität rumkrebsen!? Der Überlebenskampf wird sich auf Grund des Fachkräftemangels so unglaublich verstärken, und schon heute werden auf Grund fehlenden Personals Geschäfte geschlossen!

Hilfe zur Veränderung bieten Dir Fu|Lo Seminare! (folge dem Link)

Veröffentlicht von Christian Funk

Friseurmeister und Inhaber des Friseursalons Haarchitektur in Lüneburg. Dozent und Prüfer in der Meisterschule der Handwerkskammer Lüneburg (Braunschweig-Lüneburg-Stade). Fachautor, Social Media Experte und Fachtrainer für verschiedene Firmen der Beautybranche.

1 Kommentar

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Seeger Eckart

Sehr guter Bericht. Ich habe letztes Jahr meinen Betrieb an 2 Türkinnen verkauft und gleichzeitig in dem Geschäft für mich eine Stuhlmiete gemacht. Die zwei Inhaberinnen waren das erste halbe Jahr auf einen sehr guten Weg um ein Erfolgreiches Geschäft aufzubauen. Doch dann haben sie einen Herrenfriseur eingestellt, der die ganze Woche anwesend war und ihn auf 450 € Basis (Eine Abrechnung vom Steuerberater lag in der Küche und ich hatte so den Einblick mit der Abrechnung) abgerechnet und den Rest auf die Hand ausgezahlt. Dass war ihm zu wenig und er hat nach 5 Monaten aufgehört und seine Kunden mitgenommen, so dass die zwei jetzt kaum noch Herren- Kunden haben und sich wundern das sie keine neuen Mitarbeiter finden. Mit der Bezahlung von Mitarbeitern und die korrekten Zahlen ans Finanzamt ist ja noch ein ganz anderes Problem was unsere Branche sehr schadet. LG. E. Seeger

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